Entstehung und Geschichte der Genter Floraliën
Das Bürgertum und der Adel, die im 18. Jahrhundert auf dem Genter Kouter (Wochenblumenmarkt) die größten Käufer der angebotenen Ranunkel, Tulpen, Balseminen und Gänseblümchen waren, verlangte es danach, exotischere Pflanzen zu besitzen.
In den reich illustrierten Blumenbüchern (Florilegia), die in dieser Zeit im Ausland veröffentlicht wurden, sahen sie Bilder von unbekannten Pflanzen mit seltsamen, prächtigen Blüten.
Vor allem in England wurden Pflanzen aus Übersee eingeführt und weiter gezüchtet.
Ein pfiffiger Genter, der Gärtner Frans Van Cassel (1745 – 1835) der aus Interesse verschiedene dieser ausländischen Blumenbücher gekauft hatte, ergriff um 1774 seine Chance.
Er ließ von dem Züchter Loddiges aus England eine reiche Sammlung Pflanzen kommen um sie in seinen Gewächshäusern und Orangerien weiter zu züchten.
Als in der Zeit des französischen Kaiserrreiches die Kontinentale Blockade durch Napoleon ausgerufen wurde, war er einer der wenigen Gärtner in Gent mit einer prächtigen Kollektion seltener, fremdländischer Pflanzen.
Sobald sich die Gelegenheit bot, reiste er nach England, um die neuesten eingführten Spezien zu besichtigen. Während dieser Reisen besuchte Frans Van Cassel die Ausstellungen, in denen die englischen Züchter ihre neuen Pflanzen dem Publikum präsentierten.
Die Gesellschaft für Landwirtschaft und Kräuterkunde (1808)
Am 10. Oktober 1808 berichtete Frans Van Cassel seinen Gärtnerkollegen in der ländlichen Herberge “Au Gardin de Frascati” im Rahmen einer Besprechung von den Verkaufsmethoden der englichen Züchter.
Die Anwesenden waren so begeistert, dass sie sofort beschlossen, eine Ausstellung zu organisieren.
Der geignete Weg dahin war die Gründung einer Vereinigung.
Noch am selben Tag kam in dieser Herberge, die sich in der Nähe der heutigen Akkerstraße befand, die Gesellschaft für Landwirtschaft und Krauterkunde zu Stande.
34 Gärtner und Interessierte sind als Gründer angegeben.
Die erste Pfanzenausstellung im Jahr 1809
Einige Monate später, am 6. Februar 1809 fand in der Herberge “Au Gardin de Fracati” die erste Ausstellung der neugegründeten Vereinigung statt.
Man kann diese erste bescheidene Ausstellung keinesfalls mit den heutigen Genter Floralien vergleichen. Die Oberfläche der ersten Ausstellung betrug kaum 48 qm. Es standen dort 49 Pflanzen, die an dem Wettbewerb um die schönste Pflanze teilnahmen.
Eine Camellia japonica und ein Cyclamen persicum bekamen jeweils eine erste und zweite ehrenvolle Erwähnung. Die Silbermedaille ging an eine Erica triflora. Aber alle ausgestellten Pflanzen waren damals sehr seltene Kulturpflanzen.
Weiterhin war der Herbergssaal noch mit allerlei blühenden Knollengewächsen wie Hyazinthen,Tulpen, Krokussen und Narzissen dekoriert. Eine Büste von Kaiser Napoleon überschaute das Ganze.
Die halbjährlichen Ausstellungen
Die erste Ausstellung war so ein grandioser Erfolg, dass man beschloss, fortan jedes Jahr eine Winter- und eine Sommerausstellung zu halten.
Anfangs war der Raum in der Herberge groß genug um die angebotenen Pflanzen unterzubringen.
Aber bald musste man nach einem anderen Ort Ausschau halten und man fand einen Saal im Zentrum von Gent, die Solidarität in der Korte Meer nicht weit vom Kouter.
Während der Winterausstellung im Jahr 1810 wurden schon 243 Pflanzen ausgestellt.
Herbergswirt Lanckman vom “Frascanti” fürchtete um seine Kundschaft und richtete in der Holstraße ein Kaffeehaus mit angrenzendem “Saal der Flora” ein, um dort ab 1811 die “Blumensalons” zu organisieren.
Der Erfolg dieser Ausstellungen war so groß, dass auch dieser Saal schnell zu klein wurde und aufs Neue nach einem Ausweg für das Ausstellen von mittlerweile 500 Pflanzen gesucht werden musste.
Als das heutige Belgien nach 1815 unter niederländische Herrschaft fiel, bekam die Gesellschaft durch Hilfe von Wilhelm I das Prädikat “königlich” und ihr wurde eine jährliche Schenkung zuerkannt.
Im Jahre 1828 musste wieder Platz gefunden werden, diesmal für 1200 Pflanzen. Die königliche Gesellschaft wandte sich diesbezüglich an die Genter Stadtverwaltung, die es sehr gut verstand, wie wichtig die Blumensalons für die Entwicklung des Gartenbaus in Gent waren.
Der sogenannte Pazifizierungssaal im Erdgeschoss des Rathause wurde den Ausstellern zur Verfügung gestellt.
Im Jahr 1834 wurde die fünfzigste Ausstellung, die mit dem 25jährigen Bestehen der königlichen Gesellschaft zusammenfiel, in der Aula der Universität gefeiert.
Aber der Platezmangel beider Räume führte wieder zu Problemen und es wurde überlegt, ein eigenes Gebäude zu errichten.
Die Ausstellungen im Casino (1836)
Die Popularität der Königlichen Gesellschaft für Landwirtschaft und Pflanzenkunde wuchs stets weiter und man stand vor der Herausforderung, ständig nach größeren Räumen Ausschau zu halten.
Darum beschloss man im Jahr 1835, einen Verein mit dem Namen “Societé Anonyme d’Horticulture et de Botanique de Gand” zu gründen. Dieser Verein sollte sich für den Bau und Unterhaltung eines eigenen Gebäudes – dem “Casino” – einsetzen.
Dazu wurden 2500 Anteile von 100 belgischen Franken herausgegeben. Beinahe alle Aktionäre, darunter König Leopold I, waren selbst Mitglieder des Vereins oder sehr zugetane Pflanzenliebhaber.
Am 8. Januar 1835 fand das erste Treffen mit ungefähr zehn Vorstandsmitgliedern statt.
Man plante viel Ausstellungsfläche, einen Konzertsaal, ein Restaurant, andere notwendige Räumlichkeiten und eine echte Gartenanlage.
Der renommierte Genter Stadtarchitekt Louis Roeland wurde mit dem Entwurf beauftragt.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 2. Juni 1835 und die Einweihung fand am 15. August 1836 statt.
Die erste Ausstellung wurde am 12. März 1937 gehalten. Die Gebäude wurden für 1800 belgische Franken pro Jahr an die Königliche Gesellschaft für Landwirtschaft und Pflanzenkunde, für 1200 belgische Franken an die Konzertvereinigung Sint-Cecilia und für 2400 belgische Franken an den Besitzer des Restaurants vermietet.
Die ersten fünfjährlichen Floralien (1839)
Die erste große fünfjährliche Ausstellung, die später als “Floralien” bezeichnet werden sollte, fand im Jahr 1839 statt. Der Name “Floralien” wurde zum ersten Mal für die Aussstellung von 1873 gebraucht.
Schon 1866 musste das Casino angebaut werden, weil es im Verlauf der Zeit wiederum zu klein geworden war. 1908 fanden die Floralien letztmalig im Casino statt und 1914 wurde eine letzte Rosenausstellung organisiert.
Während des Krieges von 1914 bis 1918 wurde das Casino als Armeekrankenhaus verwendet.
Am 19. Februar 1920 wurden die Gärten und Gebäude durch die Provinz Ostflandern enteignet um darin einer “Hochschule der Arbeit” Platz zu machen. Um 1930 wurden die Gebäude teilweise abgrissen und umgebaut und die Fakultät für Veterinärmedizin der Universität Gent darin untergebracht.
Der Floralienpalast im Citadelpark (1913)
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts suchte man nach einem neuen Gebäude für die Blumenausstellungen. Mit dem Ausblick auf die Weltausstellung von 1913 wurde im Genter Citadelpark eine geeignete Ausstellungsfläche errichtet.
Das Gebäude hatte eine Oberfläche von 28824 qm mit einer grossen Halle von 170 m Länge und 60 m Breite. Das beheizte Gewächshaus für die Orchideen und Palmen war 75 m lang und 62 m breit. Dieses Gewächshaus wurde später in den 20er Jahren zu einer Winterradrennbahn, der sogenannten “Kuipke”, umgebaut.
Der “Floralienpalast”, wie das Gebäude bald genannt wurde, war Eigentum der Stadt Gent und wurde kostenlos für die fünfjährlichen Genter Floralien zur Verfügung gestellt.
Nicht weniger als 13 Ausgaben der Genter Floralien sollten in diesem Gebäude, das noch verschiedene Male angebaut und angepasst wurde, stattfinden. Die letzte Ausstellung im Floralienpalast (30000 qm) fand 1985 statt.
Danach musste man notgedrungen in die Flanders-Expo-Hallen umziehen.
Die Floralien in Flanders Expo (1990))
Seit April 1990 finden die Genter Floralien in den Messegebäuden von Flanders Expo (Sint-Denijs-Westrem) statt. Jedesmal wurde die verfügbare Ausstellungsfläche vergrößert, diesmal auf 43000 qm.
Während der vergangenen Ausstellungen von 1990, 1995 und 2000 wurde der Platz maximal genutzt um durch Niveauunterschiede, Spazierbrücken und Wasserspiele den Eindruck einer echten Parklandschaft in einem perfekt beleuchteten Innenraum zu schaffen.
Neben der Teilnahme von verschiedenen Zierpflanzenvereinen aus unserem Land waren in den vergangenen Jahren auch einige spektakuläre ausländische Einsendungen zu bewundern.
Die Floralien sind immer der beliebte Treffpunkt für alle die mit dem Genter Gartenbau verbunden sind. Außerdem sind sie noch stets das Symbol der flämischen Zierpflanze auf internationalem Forum.
Literatuur
Gentse Floraliën – Sierteelt in Vlaanderen (1990), René De Herdt, Stichting Mens en Kultuur